Auf Müggelspree und Spree von Friedrichshagen am Müggelsee bis zur Oberbaumbrücke in Berlin/Kreuzberg
07.09.2026 - Tagestour mit dem Nortik-Fold vom Westrand des Müggelsees bis nach KreuzbergLänge: 17km
Ähnlich wie Havel, Peene und Elbe muss ich mir auch die Spree stückchenweise erpaddeln, wenn die rare Zeit es hergibt. Die schöne Müggelspree zwischen Fürstenwalde und Erkner ist ein Highlight, auf dem Weg zur Dahme kommt man aus Berlin zunächst über die Spree, im Spreewald war ich auch schon von Lübben aus unterwegs. Bis Friedrichshagen, wo man unterseeisch durch den Spreetunnel spazieren kann, bin ich schon einmal gekommen und habe zuvor den schönen Müggelsee gequert.
Ein kleines fehlendes Stück, das gut für eine Tagestour taugt, führt entlang der Müggelspree von Friedrichshagen bis Köpenick und dann in die „große“ Spree nach Westen bis in die Stadt hinein.
Ich packe also mein Nortikfold-Origamikajak in die unförmige Packtasche und auf eine Sackkarre, steige in die S-Bahn, wechsle am Bahnhof Ostkreuz Richtung Köpenick, fahre bis zur S-Bahn Friedrichshagen und noch ein paar Stationen mit der Straßenbahn nach Süden. Angekommen am Müggelsee gleich neben dem Spreetunnel fängt es ordentlich an zu regnen, als ich aufbaue.

Mal wieder klemmt es beim Aufbau vorne und hinten. Meine Skepsis gegenüber dem Faltkajak wächst. Für Menschen wie mich, die immer erstmal ins Fettnäpfchen treten, ist der Aufbaumechanismus nicht wirklich geeignet. Die Kederleisten passen nicht gut, die Spanten kann man nur mit Kraft und gleichzeitig Feingefühl in die Einhängevorrichtung bringen – bei mir flutschen sie in 70% der Fälle erstmal wieder raus, weil die Halterungen nicht wirklich Halt geben. Die Gumminasen an Bug und Heck haben ein nicht wirklich stabiles Befestigungsscharnier, dessen Vernietung an einer Stelle schon defekt ist und oft aus dem Gummi rutscht. Die Fußstützen lösen sich gerne mal während der Fahrt und verlieren ihre Funktion. Zudem ist mir bei der letzten Tour einer der zwei billigen Spritzgusshalter vorne an der Sitzplatte abgebrochen, mit dem der Spant gesichert werden kann. Und das alles nach nur vielleicht 10-15 Fahrten.
Aber gut – genug gemeckert. Irgendwann ist das Kajak fertig aufgebaut und ich schon recht nass. Unter Bäumen auf einem Spielplatz warte ich auf Besserung. Aber der Regen will nicht weichen und so entscheide ich mich dann doch, loszufahren. Mit Spritzdecke, Regenjacke und Basecap geht das auch ganz gut und ich bin auf dem regengrauen Müggelsee, um gleich nach rechts in die Müggelspree abzubiegen. Ein unglaublich hässliches, aber historisches Brauereigebäude der Biermarke Berliner Bürgerbräu sticht gleich am rechten Ufer ins Auge

Reklametafeln versprechen hier topmoderne Büroräume hinter der verrotteten Fassade – wer’s glaubt… Die ersten Kilometer bis nach Köpenick hält der Regen an. Eine leichte Tristesse breitet sich aus an diesem Montag morgen, wo naturgemäss nicht viele Wassersportler unterwegs sind. Ein Regattakanute peitscht sich an mir vorbei und entschwindet grußlos, ein einsames Partyfloss trudelt herum und macht Techno-Tamtam. Vermutlich ein Geburtstag, da kann man sich den Montag natürlich nicht aussuchen. Ein Wechsel aus Villengrundstücken und stillgelegter Industrie zeigt sich am Nordufer der Müggelspree, während das Südufer zunächst bewaldet ist. Motor- und Segelyachten und auch schöne Hausboote liegen an den Ufermarinas.

Eine Anfänger-Mädchengruppe des Rudervereins wird lautstark vom Trainer im Motorboot daneben instruiert.
Am rechten Ufer taucht eine große Industrieruine auf – das ehemalige Kabelwerk Köpenick, in dem Starkstromleitungen hergestellt wurden. Auch hier soll wohl ein Wohnquartier entstehen und das denkmalgeschützte Gebäude integrieren – so wirklich sieht es danach noch nicht aus. Momentan laufen wohl hauptsächlich Bodensanierungsarbeiten und irgendwann werden hier vermutlich hochpreisige Eigentumswohnungen für die Erbengeneration entstehen, zusammen mit einem sozialen Feigenblatt weniger preisgebundener Mietwohnungen. Wohnungspolitik nach Berliner Art.
Aber auch der aktuelle Ruinenstatus hat seinen morbiden Charme und passt jedenfalls gut zum grauen Nieselwetter.

Schon kurz dahinter taucht die Stadtkulisse von Köpenick auf. Der gesamte Abschnitt der Müggelspree vom Müggelsee bis Köpenick und der Einfahrt in die Spree ist etwa 4 km lang.

Bevor es aus der Müggelspree in die „echte“ Spree geht, zweigt rechts noch die Alte Spree ab, und erlaubt, das Areal der Baumgarteninsel zu umrunden, ein Umweg von etwa 900 Metern, den ich gerne in Kauf nehme. Kleine Boote liegen hier, deren verblasst-bunte Farbtöne sich mit den beginnenden Herbstfarben des Laubes mischen.

Langsam lichtet sich nun das Grau und im Westen taucht verhaltenes Blau am Himmel auf, als ich unter der Dammbrücke hindurchpaddele und auf der Spree anlange.

Der Wetterwechsel und die Weite der Spree beflügeln gleich meine Laune und ich wende mich nach Nordwesten Richtung Stadtzentrum, das noch viele Kilometer entfernt liegt.

Ein paar Kilometer stadteinwärts in Oberschöneweide imponiert rechts ein ebenfalls nicht ganz taufrischer Gebäudekomplex, wohl in DDR-Zeiten erbaut und möglicherweise auch Teil des Komplexes Kabelwerk Oberspree – auf jeden Fall von ikonischer Qualität.

Ich paddele unter dem links auf dem Foto sichtbaren Kaisersteg hindurch, einer 2007 neu eröffneten Fußgängerbrücke, die an Stelle des historischen, 1945 gesprengen Kaiserstegs errichtet wurde, der Arbeitern nach 1900 von Niederschöneweide im Süden über die Spree nach Oberschöneweide im Norden verhalf. Am linken Ufer zeigt sich eine weitere Industrieruine – ein Gebäude der ehemaligen Brauerei Bärenquell, die ursprünglich einmal zum Schultheiss Imperium gehörte und in der DDR als VEB Bärenquell die durstigen Kehlen der Ostberliner auffüllte.

Ich meine sogar, noch kurz nach der Wende einmal Bärenquell getrunken zu haben. Die Marke gibt es jetzt nicht mehr und ich glaube, geschmacklich fügte sie den etwas fade-schlabbrigen Berliner Biermarken Kindl und Schultheiss nicht viel hinzu.
Ich bin nun schon fast in Treptow angekommen – die Minna-Todenhagen-Brücke kommt in Sicht. Minna Todenhagen war Mitgründerin der Arbeiterwohlfahrt, die Brücke ist aber noch fast nagelneu – erst 2017 in Betrieb genommen.

Direkt hinter der Brücke zweigt der Britzer Verbindungskanal links ab, über den man zum Teltowkanal und durch den Berliner Süden bis zum Wannsee gelangen kann, eine Tour, die ich wirklich empfehlen kann.

Das schöne alte Gebäude der Treptower Rudergemeinschaft mit einer weiträumigen Steganlage erscheint hinter der Kanaleinfahrt.

Und in interessantem Kontrast steht hier gleich hinter der Wasserschutzpolizei ein auf Stelzen gebauter Bungalow mit grosser Glasfront zum Wasser.

Ich dachte zuerst, dass dies eine Art soft-brutalistischer DDR-Nachlass sei. Aber nein – es ist das „Haus an der Spree“, ein erst 2017 für den Künstler Anselm Reye von seiner Frau erbautes Gebäude.
Links erstreckt sich nun das weitläufige Areal des Plänterwaldes. Und am rechten Ufer kommt das Funkhaus Berlin in den Blick, ehemalige Zentrale des DDR-Rundfunks und jetzt Veranstaltungsort und Studio-Location mit überragender Akustik.

Langsam nähere ich mich dem Berliner Zentrum. Das Treptowers-Hochhaus an der Elsenbrücke erscheint und am Horizont winkt bereits der Fernsehturm am Alexanderplatz.

Wie auf einer historischen Wasserprachtstrasse paddle ich fast ohne weiteren Schiffsverkehr auf der Spree Richtung Stadtzentrum – eigentlich ein unglaublicher Luxus, wenn man überlegt, wie sich gleichzeitig Tausende von Autofahrern und im öffentlichen Nahverkehr gestapelte Passagiere an diesem Nachmittag in die Stadt oder zurück in die Vororte quälen.
Ich mache noch einen kleinen Abstecher nach links und unterquere die Brücke zur Insel der Jugend.

An der Uferpromenade des Treptower Parks ist wenig los. Zur Rechten liegt die Halbinsel Alt-Stralau – inzwischen reichlich mit teuren Townhouses bebaut. Ich erinnere mich an den Zustand vor über 30 Jahren, als hier noch triste Plattenbauruinen standen, in denen man günstig Proberäume mieten konnte.
Ich unterquere die marode Elsenbrücke und ein weiteres Highlight taucht auf: Die 1999 installierte „Molecule-Men“ Skulptur des Künstlers Jonathan Borofsky. Sie soll das Zusammentreffen der 3 Stadtteile Treptow, Kreuzberg und Friedrichshain und zugleich mit den Moleküle darstellenden Löchern eine universale Humanität symbolisieren. Nun ja, ich gebe zu: für mich waren das immer nur ganz prosaisch die „Käsemänner“.

Vom Wasser aus kann man die Skulptur wunderbar umrunden und in allen Perspektiven begutachten. Mir scheint aktuell, dass hier durchaus auch Konfliktpotential sichtbar wird, eine gewisse aggressive Gestik der einander zugewandten Figuren tritt deutlich zutage – vielleicht gegenwärtig eben mehr „clash of civilizations“ als humanistische Seifenblase.
Viel weiter geht es jetzt nicht mehr. Rechts hinter den Kais liegen die in der Ära der New Economy aufgemotzten Fabrikbauten der Mediaspree. Z.B. das ehemalige Eierkühlhaus unmittelbar vor der Oberbaumbrücke, in dem Universal Music 20 Jahre beheimatet war, aber seit 2024 nun auch nicht mehr ist. Irgendwie hat man das Gefühl, dass dieser protzenden Medien-Infrastruktur aus historischem Industriebau, Glas und futuristischen Anbauten der wirtschaftliche Sprit ausgegangen ist. Oder es ist die Quintessenz der digitalen Disruption, dass das Reale verschwindet und irgendwie überflüssig wird. Krise, wo bist Du nicht?

Hinter der Oberbaumbrücke beginnt nun die Sperrzone für Kanuten und motorlose Boote, die keine Binnenfunkausstattung mitsamt Funkzeugnis haben. Eigentlich sehr schade – eine Bevorzugung des motorisierten Verkehrs, die man ebenfalls sehr gut von der Berliner Verkehrsplanung kennt. Mag sein, dass es im Regierungsviertel etwas eng werden könnte, wenn da zwischen den Touristendampfern noch Kajaks, SUPs, Tretboote herumgondeln würden. Aber einmal im Jahr soll es angeblich möglich sein, für einen Tag diesen Spreeabschnitt zu bepaddeln. Ich finde, das wäre das Mindeste. Hier ein Bericht von 2025, wo das tatsächlich stattgefunden hat. Leider ist für 2026 kein Termin zu finden. Sehr schade.
Wer weiter in die Stadt fahren möchte, kann aber ca. 400 Meter vor der Oberbaumbrücke links durch eine Schleuse in den Landwehrkanal und so auch durch Berlin paddeln – nur eben ohne Regierungsviertel. Aber das ist ja vielleicht auch verzichtbar.

Ich kehre jedenfalls wieder um. Nach etwa 150 Metern findet sich rechts am Südufer etwas versteckt eine Ufertreppe auf einem Gewerbegelände, wo man gut aussteigen kann.


Ich packe alles zusammen, werfe auf der Oberbaumbrücke einen seufzenden Blick zurück auf die Spree, wandere Richtung Strassenbahn und mache mich auf den Nachhauseweg.

Fazit
Eine wirklich schöne Kajak-Tour, deren Eindrücken und natur- und stadtgeschichtlichen Assoziationen man stundenlang hinterherrecherchieren kann.
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