Auf der Havel von Henningsdorf bis zum Tegeler See
04.10.2026 - Kleine Sonntagstour auf der Havel von Henningsdorf bis zum Tegeler See mit Kurzvisite auf dem Tegeler FließLänge: 15 km
Der Oktober kommt dem April für den Paddler wettermäßig oft sehr nahe. Nur – während der April mit ersten Sonnentagen verheissungsvoll die Paddelsaison ankündigt, stimmt der Oktober doch eher leicht melancholisch den Saison-Abgesang für Schönwetterpaddler wie mich ein. Das Wetter wird mitunter schon garstig und „Carpe diem“ ist sicher ein guter Wahlspruch, um die Chance auf eine schöne Tour ohne große Überlegung mitzunehmen, wenn sie sich bietet. So auch an diesem Sonntag.
Henningsdorf im Norden von Berlin ist mit der S-Bahn-Anbindung ein geeigneter Außenposten, um sich Berlin über die Havel von Norden her zu nähern. Ich rolle das eingepackte Nortik-Fold-Kajak vom S-Bahnhof zum Henningsdorfer Hafen, wo sich am nördlichen Ende ein schmaler Einstieg in flachem Uferwasser findet. Die Tour soll von Henningsdorf bis zum Tegeler See führen, von wo ich mit derselben S-Bahn auch wieder nach Hause gelangen kann. Ich bin Teile der Strecke schon einmal gefahren als Puzzleteil meiner Haveltour, aber bekanntlich steigt man nie zweimal in denselben Fluss.
Die Nachmittagssonne steht mir zwar entgegen, liefert aber ein schönes Licht durch eine lockere Wolkenpromenade, das das Havelwasser flirren lässt und die im Indian Summer-Look gekleidete Uferbewaldung vorteilhaft in Szene setzt. Die Havel wirkt hier fast naturbelassen, sieht man mal von den doch recht häufig vorbeiziehenden kleinen Motorjachten und der gelegentlichen Schute ab. Kanuten sind nur sehr wenige unterwegs.

Nach etwa 1,5 Kilometern taucht links der Nieder-Neuendorfer See auf, der zunächst durch einen Streifen kleiner strauchbestandener Inselchen abgetrennt ist, sich dann aber zu fast 500 Metern Breite öffnet, so dass die ganze Havel einen Seencharakter erhält.


Nach weiteren 2,5 Kilometern gelange ich zur hinter Ufervegetation und unter der Sandtorbrücke versteckten Einfahrt in den kleinen Heiligensee.

Der Heiligensee ist seit Anfang des 20. Jhdts. im Privatbesitz der Familie Voormann und für Normalsterbliche nicht befahrbar. Die Familie argumentiert hier wohl mit dem Naturschutz – und ein Verbot für Motorboote mag das auch rechtfertigen. Angesichts der Uferbebauung könnte man natürlich auch argumentieren, dass sich hier reiche Berliner ein für Normalbürger abgeschottetes Domizil geschaffen haben, eine Gated Sea-Community sozusagen. Immerhin gibt es ein kostenpflichtiges Strandbad für diejenigen, die den legendenreichen See – die weiße Frau vom Schifferberg, eine germanische Göttin, soll hier aufgetaucht sein und am Grund soll ein versunkenes Schloss liegen – beschwimmen möchten. Ich bleibe außen vor dem verschlossenen Gitter, ohne an dieser sozialen Ausgrenzung weiter zu rütteln und paddle weiter gen Süden, wo am Horizont schon der Kühlturm des Heizkraftwerkes Reuter-West auftaucht und seine Dampfwolken zu deren Wolkenkollegen in den Himmel steigen lässt. Die Havel bleibt zunächst breit und seenartig, bis sie sich nach 2,5 Kilometern bei Tegelort, wo auch eine Fähre verkehrt, wieder verschlankt.
Ich pausiere kurz am Uferkai einer Marina für eine späte Vesper und halte mich dann am linken Ufer. Nach ein paar hundert Metern geht es auch schon links in den Tegeler See hinein.

Nach knapp 2 Kilometern see-einwärts erreiche ich das Tegeler Strandbad. Es ist schon seit Mitte September geschlossen und zeigt nur seine leere Uferkulisse.
Aber auf dem See ist einiges los. Trotz des nur leichten Windes sind, wenn auch in einigem Abstand, doch recht viele Segler unterwegs.

Der Tegeler Forst, der sich nördlich des Tegeler Sees erstreckt, lässt seinen Bewuchs bis dicht an die Ufer treten.

Die Villa Borsig, Anfang des 20. Jahrhunderts von den Enkeln des Berliner Großindustriellen Johann Friedrich August Borsig erbaut, kommt in Sicht, vom Ufer aus etwas versteckt hinter Baumbestand. Nach wechselvoller Geschichte in Nazi- und Nachkriegszeit dient sie jetzt als Gästehaus und Fortbildungsstätte des auswärtigen Amtes.

Nur wenige Hundert Meter weiter am Ende der Greenwichpromenade leuchtet die historische Sechserbrücke mit ihrer rotbraun gestrichenen Trägerkonstruktion im Nachmittagslicht.

Hinter der Sechserbrücke geht es an befestigten Kais mit sicher teuren aber eher schmucklosen Wohnanlagen an der schmalen und langgestreckten Humboldtinsel vorbei in den Tegeler Hafen, bis man zum schönen Backsteingebäude der ehemaligen Humboldtmühle gelangt, wo es scheinbar nicht mehr weitergeht.

Aber nur scheinbar, denn von hier aus kann man links abbiegen und gelangt unter einer niedrigen Brücke in den schattigen Mündungsabschnitt des Tegeler Fließes. Ich freue mich sehr, auf dem Fließ paddeln zu können, das ich nur von Spaziergängen im schönen, ca. 4 Kilometer östlich gelegenen Tal bei Lübars kenne.
Zwar ist hier alles bebaut, aber der Abschnitt ist doch ganz lauschig.

Am Ende dieses Mündungsabschnittes schließt direkt hinter der Sechserbrücke eine weitere Brücke an, über die ich wieder zurück in den Tegeler See gelange. Linkerhand liegen die Fähranleger der großen Haveldampfer und es erstreckt sich die heute gut besuchte Greenwichpromenade nach Süden. An deren Ende kommt ein Ensemble von Treppenstufen in Sicht, auf dem Besucher und ihre Kinder pausieren: die sog. Sunset-Promenade, die durch Ihre Westausrichtung tatsächlich ein schöner Ort für einen Sonnenuntergang am Tegeler See ist.

Ein guter Ort auch zum Aussteigen, allerdings muss man etwas achtgeben auf die nicht unerheblichen Hinterlassenschaften der hier ebenfalls munter promenierenden Wasservogelschar aus Schwan, Ente und Blässhuhn.

Nachdem ich vor versammeltem Publikum eine einigermaßen reibungslose Demonstration des Zusammenklappens des Origami-Kajaks gegeben habe, ziehe ich die schwere Packtasche per Sackkarre über einen rumpeligen und engen Bürgersteig der Veithstraße und gelange nach etwas mehr als einem Kilometer bis zur S-Bahn, die mich ein paar Stunden zuvor nach Henningsdorf gebracht hatte.
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